Raumstrategin Nicole Gottschall
Warum macht uns ein schöner Raum nicht automatisch ruhig? Raumstrategin Nicole Gottschall erklärt, wie Licht, Akustik, Materialien und klare Übergänge unser Nervensystem beim Abschalten unterstützen. Und weshalb die Sauna dafür ein besonders gut geeigneter Raum für Regeneration ist.
- Nicole Gottschall, was geschieht mit uns, noch bevor wir einen Raum bewusst wahrnehmen?
- Woran erkennen Sie persönlich, ob Ihnen ein Raum Kraft gibt oder Energie nimmt?
- Kann man Erholung überhaupt gestalten?
- Was ist bei der Planung eines Erholungsraums die wichtigste Frage?
- Welche räumlichen Signale helfen uns besonders beim Umschalten?
- Und was braucht man hinter dieser Schwelle? Eher Weite oder Geborgenheit?
- Was macht gutes Licht für die Regeneration aus?
- Sie sprechen von multisensorischer Gestaltung: Welche Sinne werden noch immer unterschätzt?
- Was macht die Sauna aus gestalterischer Sicht so besonders?
- Wann wird eine Sauna zum selbstverständlichen Teil der Architektur – und nicht zur nachträglich eingesetzten Holzbox?
- Wenn Sie einen Raum, der Regeneration fördert, auf drei Zutaten reduzieren müssten: Welche wären es?
- FAQ
Nicole Gottschall, was geschieht mit uns, noch bevor wir einen Raum bewusst wahrnehmen?
Noch bevor wir bewusst beurteilen, ob uns ein Raum gefällt, verarbeitet unser Nervensystem bereits zahlreiche Signale aus der Umgebung. Licht, Geräusche, Gerüche, Temperatur, Bewegungen oder räumliche Grenzen. Die zentrale Frage dahinter lautet: Bin ich hier sicher? Erst danach beurteilen wir bewusst, ob der Raum uns gefällt. Deshalb fühlen wir oft zuerst und denken später.
Wenn wir dauerhaft in Umgebungen sind, die uns wachsam halten, bleibt auch unser Stressniveau erhöht. Umso wichtig sind Orte, an denen das Nervensystem herunterfahren kann und wir für einen Moment bei uns selbst ankommen.
Woran erkennen Sie persönlich, ob Ihnen ein Raum Kraft gibt oder Energie nimmt?
An meiner Atmung und meiner Wachsamkeit. Wenn ich einen Raum gut überblicke, mich nicht exponiert fühle und Licht, Akustik und Geruch stimmig sind, entspannt sich etwas. Mir geht dann sprichwörtlich das Herz auf.
Ich bin durch meinen Beruf als Interior Designerin stark visuell geprägt. Trotzdem liegt unter dem Sehen immer das intuitive Empfinden: Fühle ich mich hier wohl und sicher? Ein greller Farbton, ein Hall oder ein dominanter Duft können dieses Gefühl ebenso stören wie eine ungünstige Sitzposition.
«Man kann Entspannung nicht möblieren. Aber man kann ihr richtig gute Bedingungen bauen.»
- Nicole Gottschall, Raumstrategin
Kann man Erholung überhaupt gestalten?
Nicht direkt. Ein Raum kann niemanden zur Erholung zwingen. Er kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Erholung wahrscheinlicher wird: Licht, Akustik, Temperatur, Materialien, Rückzugsmöglichkeiten und das Gefühl von Kontrolle beeinflussen, ob unser Nervensystem in Alarmbereitschaft bleibt oder herunterregulieren kann.
Welche räumlichen Signale helfen uns besonders beim Umschalten?
Übergänge sind enorm wirksam. Eine Tür oder Schwelle sagt dem Gehirn: Hier beginnt etwas Neues. Doch auch ein Vorhang, ein anderer Boden, eine gedämpfte Akustik oder wärmeres Licht können eine Zone klar vom Alltag abgrenzen. Das lässt sich selbst dort nutzen, wo die Sauna beispielsweise in einem funktionalen Raum steht. Man braucht nicht zwingend einen grossen Umbau. Entscheidend ist, dem Nervensystem ein Signal zu geben: Jetzt verlasse ich den Alltag. Jetzt beginnt die Regeneration. Erholung braucht oft eine Schwelle.
Und was braucht man hinter dieser Schwelle? Eher Weite oder Geborgenheit?
Weite schenkt Orientierung und Freiheit, Geborgenheit vermittelt Sicherheit. Besonders angenehm sind Orte, an denen wir sehen können, was kommt, ohne selbst völlig ausgestellt zu sein. Sprich: Ein Sitzplatz am Rand mit einer Wand im Rücken und Blick ins Freie funktioniert deshalb oft besser als ein Platz mitten im offenen Raum. Wie viel Offenheit oder Schutz wir brauchen, hängt auch von unserem Zustand ab. Wer erschöpft oder gestresst ist, sucht meist mehr Geborgenheit. Wer sich sicher und aktiv fühlt, erlebt Offenheit eher als anregend.
«Natürliche Materialien geben den Sinnen etwas zu entdecken.»
- Nicole Gottschall, Raumstrategin
Sie sprechen von multisensorischer Gestaltung: Welche Sinne werden noch immer unterschätzt?
Vor allem Akustik, Geruch und Haptik. Räume werden häufig für das Auge geplant: über Renderings, Farben und Formen. Der Mensch betritt sie aber mit dem ganzen Körper. Er hört den Hall, spürt die Temperatur eines Materials und nimmt einen Duft wahr, bevor er all das bewusst benennen kann.
Echtes Holz beispielsweise vermittelt nicht nur eine Holzoptik. Es hat eine Temperatur, eine Struktur, einen Geruch und darf altern. Unsere Hände lesen mit.
Kann ein Raum auch zu perfekt sein, um entspannend zu wirken?
Wenn alles makellos, symmetrisch und vollständig durchgestaltet ist, kann daraus fast eine kleine Leistungsanforderung entstehen. Man hat unbewusst das Gefühl, nichts verschieben und keine Spuren hinterlassen zu dürfen.
Für Erholung braucht es ein gewisses Mass an Erlaubnis. Materialien dürfen altern, Textilien weich fallen und persönliche Dinge sichtbar sein. Perfektion kann beeindrucken. Entspannung braucht oft etwas mehr Menschlichkeit.
Wann wird eine Sauna zum selbstverständlichen Teil der Architektur – und nicht zur nachträglich eingesetzten Holzbox?
Wenn sie früh mitgedacht wird. Entscheidend sind die Wege und Beziehungen: Wie nähere ich mich der Sauna? Was sehe ich davor und danach? Gibt es einen Bezug zur Dusche, zum Ruhebereich, zum Wasser oder zum Aussenraum?
Auch Holzart, Stein, Licht, Beschläge und Proportionen sollten dieselbe gestalterische Sprache sprechen wie das Haus. Eine gute Sauna wird Teil der räumlichen Dramaturgie.
Was sollten Bauherrinnen und Bauherren deshalb ganz am Anfang klären?
Wie sie diesen Ort nutzen und wie sie sich dort fühlen möchten. Geht es um einen kurzen Saunagang zwischendurch oder um ein längeres Ritual mit Abkühlen, Liegen und Rückzug? Braucht es Aussicht oder Schutz, absolute Stille oder leise Naturgeräusche?
Erst aus dem gewünschten Erlebnis ergeben sich Lage, Wege, Raumfolgen und Ausstattung. Technische Themen wie Lüftung, Abdichtung und Entwässerung müssen ebenfalls früh einbezogen werden. Ein guter privater Spa beginnt nicht mit der Wahl eines Produkts, sondern mit der Frage: Was möchten wir hier tun – und was soll dieser Ort in uns auslösen?
FAQ
Ist Minimalismus automatisch erholsam?
Nein, Reduktion kann visuelle Ruhe schaffen, aber auch kühl und leblos wirken. Erholsam wird sie, wenn der Raum klar und ruhig bleibt, zugleich aber Wärme, Textur und Zeichen von Leben zulässt.
Welche Farben eignen sich für regenerative Räume?
Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht. Weniger gesättigte, harmonische Farben werden häufig als ruhiger erlebt. Naturbezogene Blau-, Grün- und Brauntöne können unterstützen; ihre Wirkung hängt aber immer auch von Licht, Material, Fläche sowie persönlichen und kulturellen Assoziationen ab.
Wie viel Individualität braucht ein Rückzugsort?
Meist mehr als reine Neutralität. Gewohnheiten, Erinnerungen und persönlich bedeutsame Dinge schaffen Vertrautheit. Wichtig ist, dass Individualität nicht in Reizüberflutung kippt.
Braucht ein Kraftort bewusste Leere?
Leere kann sehr entlastend sein, besonders in einem reizintensiven Alltag. Sie darf jedoch nicht mit Kälte verwechselt werden. Auch ein stiller, reduzierter Raum braucht angenehmes Licht, gute Proportionen, stimmige Materialien und Akustik.
Wie wichtig ist die Raumakustik?
Sehr wichtig. Hall, Stimmen aus Nebenräumen und unvorhersehbare Geräusche halten das Gehirn beschäftigt. Gute Akustik bedeutet nicht zwingend absolute Stille, sondern geringe Reizspitzen, Verständlichkeit und Kontrolle.
Welche Rolle spielen Düfte?
Gerüche sind eng mit Emotionen und Erinnerungen verbunden, gleichzeitig aber sehr individuell. In Erholungsräumen gilt deshalb: lieber dezent und natürlich. Ein guter Duft begleitet den Raum, er übernimmt ihn nicht.
Muss ein Rückzugsort ein eigenes Zimmer sein?
Nein. Auch ein Sessel am Fenster, eine Nische oder ein klar definierter Platz kann funktionieren. Wichtig sind ein geschützter Rücken, weiches Licht, wenige sichtbare Arbeitsutensilien und eine eindeutige Verbindung dieses Ortes mit Ruhe.
Was lässt sich zu Hause mit wenig Aufwand verändern?
Alles entfernen, was an Arbeit oder unerledigte Aufgaben erinnert. Den Sitzplatz weniger exponiert ausrichten. Eine tief platzierte Lichtquelle mit warmem Licht einsetzen. Textilien für weichere Akustik ergänzen und den Blick möglichst ins Freie lenken. Kurz: weniger sehen, besser sitzen, weicheres Licht.
Darf eine Sauna ein architektonisches Statement sein?
Unbedingt, etwa durch Proportionen, Aussicht, Material oder Lichtführung. Der Ausdruck sollte jedoch nicht so dominant werden, dass er von der eigentlichen Funktion ablenkt. Statement ja, Überinszenierung eher nicht.
Wann wird eine private Sauna zum persönlichen Kraftort?
Wenn sie nicht einer allgemeinen Wellnessästhetik folgt, sondern zu den Menschen und ihren Ritualen passt: bevorzugte Temperatur, gewünschte Aussicht oder Geborgenheit, Materialien, Ruhebedürfnis sowie die Abläufe vor und nach dem Saunagang.