Biohacking: Der Versuch, den eigenen Körper wirklich zu verstehen
Biohacking klingt nach Hightech, Sensoren und Selbstoptimierung bis ins letzte Detail. Doch für Rolf Duda beginnt alles viel einfacher: mit Neugier auf den eigenen Körper. Wer versteht, wie Stress, Licht, Schlaf oder Kälte wirken, kann gezielter damit umgehen. Und gesünder leben. Im Interview erklärt uns der Biohacker, warum wir eigentlich alle schon Biohacker sind, weshalb mentale Klarheit wichtiger ist als jedes Gadget und warum Schlaf die mit Abstand wichtigste Grundlage für Gesundheit ist.
- Lieber Rolf, du bist Biohacker. Was ist das eigentlich? Und wie wird man das?
- Wie würdest du Biohacking jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
- Biohacking gewinnt aktuell stark an Bedeutung. Warum?
- Gibt es Dinge, die du bewusst nicht hackst?
- Wie unterscheidet sich Biohacking von klassischen Wellness- oder Gesundheitspraktiken?
- Selbstoptimierung: Wo liegt die Grenze zur Überforderung?
- Wir müssen also zuerst mentale Arbeit leisten?
- Welche Rolle spielen Atemarbeit, Hitze und Kältetraining?
- Viele schwören auf den Wechsel von Hitze und Kälte. Was passiert dabei im Nervensystem?
- Wie gehst du persönlich mit Stress um?
- «Technologie hilft uns, unseren Körper sichtbar zu machen»
- Wenn du nur einen Bereich optimieren dürftest – Schlaf, Ernährung oder Bewegung – welchen würdest du wählen?
- Alles wird getrackt und optimiert. Wie stehst du zu Wearables und Tracking?
- Welcher Biohack kostet nichts und wirkt sofort?
- Zum Schluss: Welche Biohacks können Menschen auch ohne Sauna oder Eisbad in ihren Alltag integrieren?
Wie würdest du Biohacking jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Eigentlich sind wir alle bereits Biohacker: Wenn wir Kaffee trinken oder Alkohol, tun wir das ja, weil wir eine bestimmte Wirkung erzielen möchten. Der Unterschied ist nur: Ein Biohacker weiss genauer, was dabei im Körper passiert.
Beim Kaffee zum Beispiel dockt das Koffein im Gehirn an denselben Rezeptoren an wie Adenosin, eine Substanz, die sich im Laufe des Tages ansammelt und uns müde macht. Koffein verdrängt eben genau dieses Adenosin. Der Effekt aus Sicht eines Biohackers ist also: «Durch Koffein spüre ich nicht, wie müde ich eigentlich bin».
Gibt es Dinge, die du bewusst nicht hackst?
Ich hacke ehrlich gesagt gar nicht so viel. Mein Ziel ist eher, dass mein Körper im Gleichgewicht bleibt. Wenn ich besonders intensive oder stressige Phasen habe, versuche ich danach sehr bewusst zu regenerieren. Ich suche also gezielt Entspannung.
Wie unterscheidet sich Biohacking von klassischen Wellness- oder Gesundheitspraktiken?
«Biohacking ist oft einfach der wissenschaftlichere Blick. Im Grunde sind wir alle Biohacker»
Selbstoptimierung: Wo liegt die Grenze zur Überforderung?
Die entscheidende Frage ist: Warum mache ich das eigentlich? Wenn ich meinen Schlaf optimiere, nur um bessere Werte auf einem Oura-Ring zu sehen, bringt das wenig. Deshalb sollte man immer zuerst die innere Arbeit machen. Die so wäre: Welches Gefühl möchte ich erreichen? Was ist mein Ziel? Wenn das klar ist, wird vieles einfacher. Ohne dieses Warum wird alles schnell anstrengend.
Wir müssen also zuerst mentale Arbeit leisten?
Absolut. Und mentale Stärke kann man auch trainieren. Sie entsteht aus unserer Willenskraft und unserem Mindset. Je bewusster man sich damit beschäftigt, desto stärker wird sie. Am Ende beginnt alles im Kopf. Dort entscheidet sich, wie wir mit Herausforderungen umgehen.
Viele schwören auf den Wechsel von Hitze und Kälte. Was passiert dabei im Nervensystem?
Im Eisbad oder in der Sauna setzt man dem Körper einen gezielten Reiz ausserhalb der Komfortzone. Dadurch lernt er, flexibler zu reagieren.
Wenn man das bewusst macht, trainiert man die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems. Und je flexibler dieses System ist, desto weniger schnell geraten wir in Stress.
Wie gehst du persönlich mit Stress um?
Ich versuche zuerst herauszufinden, was genau den Stress auslöst. Wenn ich nämlich verstehe, warum ich etwas als belastend empfinde, kann ich besser darauf reagieren. Stress ist oft eine mentale Bewertung. Wenn ich weiss, warum ich etwas tue, fühlt es sich weniger belastend an.
Ich glaube, Menschen werden immer stärker erkennen, dass ihre Gesundheit in ihren eigenen Händen liegt, nicht nur beim Arzt oder im staatlichen Gesundheitssystem. Die neueste Technologie hilft dabei, den Körper besser zu verstehen. Wenn man zum Beispiel sieht, wie stark Alkohol den Schlaf beeinflusst, verändert das automatisch das eigene Verhalten.
Ein weiterer Faktor sind Gedanken und Stress. Wenn das Gehirn ständig weiterarbeitet, bleibt das Nervensystem in einem aktiven Zustand. Der Körper fühlt sich dann, als müsste er wach und bereit sein. Sicherheit und Struktur im Alltag helfen deshalb enorm, zum Beispiel ein klarer Tagesrhythmus oder kleine Abendroutinen, die signalisieren: Jetzt darf der Körper loslassen.
Auch hormonelle Prozesse spielen eine Rolle. Körpereigene Botenstoffe wie Adenosin sorgen im Laufe des Tages dafür, dass wir müde werden. Koffein kann diesen Prozess jedoch stören. Deshalb reagieren viele Menschen empfindlich auf Kaffee am Nachmittag oder Abend.
Alles wird getrackt und optimiert. Wie stehst du zu Wearables und Tracking?
Ich selbst tracke inzwischen kaum noch etwas, weil ich meinen Körper gut spüre. Aber früher habe ich viel gemessen. Tracking und die damit verbundenen Gadgets können eine hilfreiche Brücke sein, um Zusammenhänge zu verstehen und wieder mehr Eigenverantwortung zu entwickeln.
Welcher Biohack kostet nichts und wirkt sofort?
Atmen.
Über die Atmung können wir sofort mit unserem Nervensystem arbeiten. Es kostet nichts – ausser einem Moment Aufmerksamkeit.
Zum Schluss: Welche Biohacks können Menschen auch ohne Sauna oder Eisbad in ihren Alltag integrieren?
Erstens: bewusst atmen. Die Atmung ist eines der wichtigsten Werkzeuge für unsere Gesundheit.
Zweitens: Zeit in der Natur verbringen. Barfuss gehen oder einfach draussen sein, das sogenannte Grounding reduziert Entzündungen und kann enorm erdend wirken.
Und drittens: Die Sonne auf die Haut lassen. Natürlich in gesundem Mass, aber Licht ist ein entscheidender Faktor für unseren biologischen Rhythmus.